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Jeanne Mammens verschiedene Stilperioden


Die Signaturen aus Buchstabe und Nummer neben dem Titel der Abbildungen beziehen sich auf das Werkverzeichnis (WVZ).

I. BILDER UND ZEICHNUNGEN.

 

 

 

1. Skizzenbücher und Zeichnungen, ca. 1910 - 1914.

Schon im frühen Alter beginnt Jeanne Mammen, Personen und Szenen, die ihre Aufmerksamkeit erregt haben, in Skizzenbüchern festzuhalten ("Aphrodite").

In ihren Studienjahren vor dem Ersten Weltkrieg in Paris, Brüssel und Berlin zeigt sich die erste Phase ihres Frühwerks. In Portrait- und Personenskizzen in Bleistift, Aquarell und Mischtechnik hält sie die präzisen Beobachtungen fest, die sie in ihrem Umfeld anstellt: Arbeiten, die schon erkennen lassen, dass sich die junge Künstlerin den unbestechlichen Blick ihrer großen Lehrmeister Théophile Steinlen und Henri de Toulouse-Lautrec angeeignet hatte. Auf diesen Aquarellen und Gouachen wird nicht nur die Wesensart der Person, sondern mit gleicher Präzision ihre soziale Einbindung mitskizziert.

Eine ungewöhnliche zeichnerische Virtuosität ist bereits im "Bildnis der Schwester Marie Louise" sehr deutlich und in anderen in Bleistift, Tusche oder Kohle ausgeführten Zeichnungen.

 

"Aphrodite", WVZ: SB IX/7

"Aphrodite", WVZ: SB IX/7.

 

"Bildnis der Schwester Marie Louise", WVZ: Z 3

"Bildnis der Schwester Marie Louise", WVZ: Z 3.

 

2. Symbolistische Buch-Illustrationen, ca. 1913 - 1916.

Den eigentlichen Höhepunkt des Frühwerks bildet eine Reihe von fast 50 Gouachen im Stil des belgischen Symbolismus mit Illustrationen zu Büchern wie Ashvaghoshas "Das Leben Buddhas", Gustave Flauberts "Tentation de Saint Antoine" ["Die Versuchung des Heiligen Antonius"] oder E. T. A. Hoffmanns "Der goldene Topf", deren Erscheinen der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte. Nirgends hat sich der Geist des "Fin de siècle" reiner ausgeprägt gezeigt als in den phantastisch-visionären und dekorativen Traumwelten der Brüsseler Symbolisten wie Paul Delvaux, Jean Delville, James Ensor, Fernand Khnopff, René Magritte oder Jan Toorop. Diese Maler haben - ebenso wie das literarische Vorbild in Flauberts "Tentation de Saint Antoine" - Jeanne Mammens bildnerische Gestaltungskraft nachhaltig beeinflusst.

 

"Tod" (Illustration zu "Tentation de Saint Antoine" [Die Versuchung des Heiligen Antonius]), WVZ: A 13

"Tod" (Illustration zu "Tentation de Saint Antoine" [Die Versuchung des Heiligen Antonius]), WVZ: A 13.

 

3. "Großstadt Berlin", Aquarelle, ca. 1924 - 1934.

Ab 1927 füllen Arbeiten von Jeanne Mammen die Titelblätter und Seiten zahlreicher Zeitschriften, Magazine und Witzblätter wie "Jugend", "Die Dame", "Die Schöne Frau", "Der Junggeselle", "Simplicissimus", "Uhu", "Ulk". Mit ihren einfühlsamen und genauen Darstellungen des Berliner Großstadtlebens, die von der Kritik gleichrangig neben die sozialkritischen Werke eines George Grosz, Rudolf Schlichter, Rudolf Wilke oder Karl Arnold gestellt werden, wird die Künstlerin als bedeutende Illustratorin bekannt. Ihre Aquarelle und Zeichnungen der Jahre 1927 bis 1933 bilden einen ersten Höhepunkt ihres neusachlich-realistischen Schaffens. Die Frau in ihrer gesellschaftlichen Abhängigkeit und im Rollenkonflikt an der Seite des Mannes ist das zentrale Motiv dieser Periode.

 

"Die Rothaarige", WVZ: A 278

"Die Rothaarige", WVZ: A 278.

 

4. Realistische Periode, vor 1929 bis ca. 1938.

Im Gegensatz zu den farbenfrohen Aquarellen veranschaulichen die Gemälde um 1920 und 1930 eher einen melancholischen Charakter, der sich noch weiter verdüstert, weil nach 1933, als das Dritte Reich herrschte, Jeanne Mammen ihren inneren Widerstand und ihre soziale Kritik in der Malerei Ausdruck verleiht. Die Darstellungen junger Menschen, die ins Nichts mit leerem Ausdruck ihrer schwarzen Augen starren, sind für diese Stilperiode typisch, die deshalb auch als "Schwarzaugen-Periode" bezeichnet wird.

 

"Zwei Kinder, lesend", WVZ: G 49

"Zwei Kinder, lesend", WVZ: G 49.

 

5. Kuboexpressive Periode, ca. 1938 - 1945.

Aus Protest gegen die Kulturpolitik und Kunstauffassungen der Nazis gibt Jeanne Mammen die realistische Malweise auf. Statt dessen beginnt sie in einem kuboexpressiven Stil zu malen, stark beeinflusst von Picasso. Dies ermöglicht ihr eine aggressive Form von Zeitkritik. "Der Würgeengel" und "Kind im Luftschutzkeller" sind Beispiele einer Malerei im Zeichen des Widerstands.

 

"Der Würgeengel", WVZ: G 91

"Der Würgeengel", WVZ: G 91.

 

"Kind im Luftschutzkeller", WVZ: G 96

"Kind im Luftschutzkeller", WVZ: G 96.

 

6. Plastische Periode, ca. 1945 - 1948.

Die "Plastische Periode": ein Nachhall der plastischen Arbeiten (siehe weiter unten: III. SKULPTUREN) aus Gips und Ton, die Jeanne Mammen im letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahr mangels Malmaterial herstellte, und zugleich unmittelbare Reaktion auf die gespenstische Ruinenlandschaft der zertrümmerten Stadt. Ihr Spätwerk beginnt hier mit einer Stil-Periode, die weder realistisch unterkühlt noch kuboexpressiv aufgeheizt ist, sondern einen ersten Schritt zur Abstraktion erkennen lässt. Die Lebenswirklichkeit der Berliner unter Schutt und Asche war eine surreale Welt, die der Bildphantasie französischer Surrealisten nicht nachstand. Durch die ersten Ausstellungen in der Galerie Gerd Rosen am Kurfürstendamm wurde "Berliner Surrealismus" zu einem Begriff. Zu den Kuratoren dieser Ausstellungen gehörte der seit 1932 mit Jeanne Mammen befreundete Bildhauer Hans Uhlmann. Bilder wie "Chute des Anges" [Sturz der Engel] (WVZ: G 133), "Die Tür zum Nichts" (WVZ: G 150) und "Stürzende Fassaden" dokumentieren seismographisch genau die Grenzsituation, in der die Menschen lebten. Auch Materialbilder, bei denen Kabelreste von russischen Nachrichtensoldaten und Schnüre von Care-Paketen auf den Malgrund montiert wurden, gehören zu dieser Werkphase.

 

"Stürzende Fassaden", WVZ: G 139

"Stürzende Fassaden", WVZ: G 139.

 

7. Graphische Periode, ca. 1949 - 1954.

Diese lange Stil-Periode ist gekennzeichnet durch fortschreitende Abstraktion. Auf Formaten von 100 x 70 cm finden sich Lineamente und Graphismen, die Figuren andeuten. Diese werden zunächst auf monochromen, später auf immer farbigeren Malgründen, teilweise nahezu pointilistisch, ausgeführt.

 

"Mädchen im Garten", WVZ: G 178

"Mädchen im Garten", WVZ: G 178.

 

8. Lyrisch-abstrakte Periode, ca. 1950 - 1960.

Nach unzähligen Experimenten hinsichtlich Farbkontrast und Farbintensität wird das Kolorit autonom. Die Farben strukturieren das Bild weitgehend ohne zeichnerische Elemente.

 

"Blumen in Vase mit Abziehbild", WVZ: G 204

"Blumen in Vase mit Abziehbild", WVZ: G 204.

 

9. Skurril-abstrakte Periode, ca. 1960 - 1965.

Mit Überschreiten des 70. Lebensjahres schlüpft die Malerin in die Rolle des amüsierten Betrachters alles Weltgeschehens. Spukgestalten bevölkern die Leinwand, der Karneval des Lebens tobt sich in grotesker Weise für Jeanne Mammen aus.

 

"Der durchbohrte Mond", WVZ: G 268

"Der durchbohrte Mond", WVZ: G 268.

 

10. Buntpapier-Collagen mit Stanniol, "Numinose" Bilder, ca. 1960 - 1975.

Pralinenhüllen, Bonbonpapier und ähnlich banaler Flitter unterstreichen noch die Trivialität aller Menschenmühe. Zu dieser ironischen Philosophie passt der Blick in die Grenzbereiche, wo sich - wer weiß - die Geister tummeln, die hier die Marionetten tanzen lassen.

Jeanne Mammen wusste, dass es Geister gibt, und im Alter manifestierten sich diese ihr gegenüber zuweilen transversal im Medium ihrer Kunst und erschienen vor ihr auf der Bildfläche, wo sie ihre rätselhaften Abdrücke hinterließen. Das ist das Numinose. (Eberhard Roters)

Und der Kreis schließt sich: die letzte Werkphase Jeanne Mammens knüpft bei der symbolistischen Mystik und Phantastik der Traumwelten ihrer ersten Werkphase an.

 

"Verheißung eines Winters", WVZ: G 295

"Verheißung eines Winters", WVZ: G 295.

 

II. LITHOGRAPHIEN.

 

 

 

Die Druckgraphiken der Künstlerin umfassen einige Radierungen vor 1920 und eine Anzahl von Lithographien (Steindrucke), um 1930 bis 1932 entstanden, darunter die Serie von acht zweifarbigen Illustrationen zu Pierre Louys' "Les Chanson de Bilitis" [Die Lieder der Bilitis] (1894), eine Hommage an die lesbische Liebe. Von diesen Lithographien wurden jedoch nur Probedrucke hergestellt, den Druck der Auflage hat das nationalsozialistische Regime verhindert, die Steine sind im Krieg zerstört worden.

 

"Eifersucht" (Illustration zu "Les Chansons de Bilitis" [Die Lieder der Bilitis], WVZ: D 20

"Eifersucht" (Illustration zu "Les Chansons de Bilitis" [Die Lieder der Bilitis], WVZ: D 20.

 

III. SKULPTUREN.

 

 

 

Durch die häufigen Stromunterbrechungen im letzten Kriegsjahr und noch unmittelbar nach dem Krieg modelliert Jeanne Mammen Skulpturen in Gips und Ton bei Kerzenlicht, da das Malen unter diesen Bedingungen fast unmöglich geworden war.

22 erhaltene Skulpturen aus Gips und Ton ließ die "Jeanne-Mammen-Gesellschaft e. V." in Bronze gießen.

 

"Afrikanischer Kriegerkopf", WVZ: P 2

"Afrikanischer Kriegerkopf", WVZ: P 2.

 

Das Atelier (Wohnatelier) der Künstlerin, 1960

Das Atelier (Wohnatelier) der Künstlerin, 1960.

 

Jeanne Mammen bei der Arbeit in ihrem Atelier, 1946

Jeanne Mammen bei der Arbeit in ihrem Atelier, 1946. Sie trägt ihren schweren Pelzmantel wegen der unzulänglichen Beheizung nach dem Krieg. An der Wand: "Mann mit Baskenmütze", WVZ: G 95.

 

Jeanne Mammens Œuvre ist in dem umfangreichen Ausstellungskatalog mit dem Werkverzeichnis dokumentiert (Jeanne Mammen 1890 - 1976 [WVZ]: Ausstellungskatalog, Monographie und Werkverzeichnis, herausgegeben von Jörn Merkert, Werkverzeichnis von Marga Döpping und Lothar Klünner, Berlin, 1997), der im Jahr 1997 herausgegeben wurde (Wienand Verlag, Köln, 1997). Es besteht aus 295 Gemälden, 569 Aquarellen und sonstigen farbigen Arbeiten auf Papier. Außerdem umfasst es noch Skizzenbücher aus den Jahren 1910 - 1914, 1919, 1926, 1932 und 1962 mit insgesamt ca. 800 Aquarell- und Bleistiftskizzen, ferner 1.274 Zeichnungen (1911 - 1970). An Druckgraphik entstanden vor 1920 einige Radierungen und nach 1930 eine Anzahl Lithographien (Steindrucke).

 

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